Starrer Stahl mit luftiger Mitte
Eine aufgelockerte Formenstrenge bestimmt die Stahlskulpturen von Thomas Röthel. Zunächst ist es eine rechteckige Stele, die fast alle Arbeiten zur Ausgangsform haben. In die werden in einer bestimmten Zone mit einem feinen Wasserstrahl mehrere Schnitte gesetzt und zum Glühen gebracht. Setzt der Künstler nun oben einen Hebel an und dreht das Metall etwa um neunzig Grad, biegen und ziehen sich die angesägten, weich geglühten Metallteile auseinander. Dies geschieht bis zu einem gewissen Grad relativ geordnet. Wenn der Künstler das obere Teil um mehr als zwei- oder dreihundert Grad dreht, hebt sich die Struktur auf, wird fast zu einer freien linearen Zeichnung. Plastisch gesehen öffnet sich das Material, erzeugt Durchblicke und scheint das Volumen aufzulösen.
Betrachtet man die Skulpturen als Ganzes, dann haben sie einen unteren, rechteckig-strengen, massiven Teil, einen offenen, fast zeichnerisch wirkenden mittleren und oben wieder einen massiven Teil.
Steht man vor den Skulpturen, ist von dem technischen Aufwand nichts zu spüren.
Die Arbeiten wirken, egal ob nur zwanzig Zentimeter oder fast zwei Meter hoch, durch das sich Öffnen des Materials im Mittelteil leicht und klar. Der durch die Drehung geöffnete und neu strukturierte Teil, den der Künstler zwar planen, aber nicht genau vorherbestimmen kann, hebt scheinbar die Stahlstarre des oberen und unteren Teils auf.
Bei der Eröffnung der Ausstellung im Venet-Haus (Neu-Ulm) hat Thomas Röthel an der kleinen Stahlplatte seine Arbeitsweise vorgeführt. Das wirkte locker und leicht, jedoch hat man dem Künstler die Konzentration und Gegenwärtigkeit angemerkt, die ihm abverlangt wurde.
Otfried Käppeler (Südwestpresse, September 2008)


