Feuer und Flamme
Es regnet in der Werkstatt von Thomas Röthel. Und es brennt, denn der Stahlkünstler hat seine Esse angeschürt. Alle zehn Minuten schaufelt er Kohlen nach, weil die Hitze enorm sein muss. Die Flamme in dem Höllenofen, der mitten in der sanften fränkischen Landschaft brodelt, ist beinah’ weiß. Und grell, so dass Röthel nur mit dunkler Brille in die Luke spähen kann. Die Farbe der Flamme, das gleißende Weiß, ist gut. Daran erkennt der Künstler, dass die Temperatur passt. 1200 Grad sollen es sein, damit die 15 Zentimeter dicke, knapp drei Meter lange Stahlplatte, die auf dem Schmiedefeuer liegt, geschmeidig und biegsam wird. Damit Röthel sie in der Mitte drehen kann, um 180 Grad.
Thomas Röthels Gesicht ist rußgeschwärzt unter dem Helm. Seit 20 Stunden schürt er mittlerweile an der Esse nach. Nachts im Drei-Stunden-Takt, seit dem frühen Morgen stündlich, dann alle halbe Stunde, nun, am Nachmittag, alle paar Minuten. Die Temperatur muss genau stimmen – ist sie zu hoch, wird der Stahl zerstört, ist sie zu niedrig, funktio-niert die geplante Drehung nicht. Diese Drehung muss auf Anhieb klappen. Ausbessern ist nicht drin.
„Entweder es gelingt oder es geht komplett daneben“, sagt Röthel, dem die Anspannung unter der rußigen Schweißschicht anzusehen ist. – „Es könnte passieren, dass der Stahl bei der Bewegung reißt.“ Das könnte sogar leicht passieren, denn das Material hat ein paar Poren, Unregelmäßigkeiten. Die machen instabil – „es könnte schief gehen“.
Um die Drei-Meter-Stele, die zwei Tonnen wiegt, in der Mitte um 180 Grad zu drehen, ist starkes Werkzeug nötig. Eines steht schon auf dem Hof. Ein Radlader, an dessen Steuer ein junger Landwirt aus der Nachbarschaft des modernen Ateliers in Mitteldachstetten sitzt. Mit dem zweiten Werkzeug, einem noch größeren Radlader, dröhnt ein zweiter Landwirt aus dem nächsten Dorf heran. Die beiden jungen Männer mit Sinn für moderne Kunst und Feingefühl beim Lenken stehen dem Stahlbildhauer schon seit Jahren zur Seite, wenn eine Skulptur zu formen ist. „Ich kann mich hundertprozentig auf sie verlassen“, sagt Röthel. Mit der Schaufel tippt einer der Fahrer die Esse an. Funken stieben, Rauch steigt auf, als er die Stele mit einer Kette an der Schaufel aus dem Feuer hievt. Rot glühend schwankt die Platte, bis der Fahrer sie vorsichtig in eine Halterung im Boden eingepasst hat.
Der Stahl steht, kerzengerade, mit Glut im Bauch. Keine Sorge, das 50-Tonnen-Fundament, das Röthel für solche Kunst-Aktionen zwei Meter tief in den Boden getrieben hat, wird halten. Um den hitzeweichen Stahl zu drehen, braucht es einen Hebel. Der liegt schon bereit, zehn Meter lang und eine Eigenkonstruktion des Künstlers, so geschweißt, dass verschiedene Formate damit zu packen sind. Der Radlader nimmt den Hebel mit der Schaufel auf, platziert ihn exakt oben auf der Stele. „Passt !“ Auf Anhieb.
Jetzt ist der zweite Helfer dran mit seinem schweren Werkzeug. Er setzt die Riesenschaufel an einer Seite des Hebels an. Sein Kollege macht das Gleiche auf der anderen Seite, während der Künstler die Kommandos gibt, energisch winkend. Motoren dröhnen. Schaufeln schieben. Bis sich der Stahl dort, wo er lavarot schimmert und drei Schnitte sitzen, biegt.
„Weiter“, ruft Thomas Röthel, rudert mit den Armen, verschmiert den Ruß in seinem Gesicht. Schwarzer Zunder blättert ab, als die Radlader den Kunstpfahl umkreisen. Die feurige, zähe Masse reißt nicht. Trotzdem: „Stopp !“ Am unteren Schnitt tut mehr Hitze Not, damit das Material sich hier besser bewegt.
Thomas Röthel eilt mit einem Gasbrenner herbei, es knallt, als er ihn einschaltet und den weißen Strahl auf die Glut richtet. Luft vibriert, Hitze macht die fränkische Landschaft unscharf hinter der Stele. Der Brenner faucht, und Röthel schwitzt im Flammenhauch, als die Schaufeln wieder anpacken. Wieder schieben !
„Schluss !“ Fertig. Gedreht um 180 Grad. Der Künstler schnauft durch, etwas ruhiger zum ersten Mal an diesem Nachmittag. Jetzt die Feinarbeit: Hier mit der mächtigen Schaufel einmal von oben auf den Hebel gedrückt, bloß nicht zu kräftig, dort mit der Zacke von unten gestupst. Röthel lehnt eine Leiter an, so dass sie nur den Hebel berührt und nicht die noch immer glühende Skulptur, klettert mit der aufsteigenden Hitze empor. Balanciert auf dem Hebel, legt eine Wasserwaage an. „Alles in Ordnung.“ Alle Linien stimmen.
Jetzt muss der Hebel wieder runter von der Skulptur, ohne dass sich dabei etwas verhakt, verbiegt. Röthel stellt sich in die Schaufel des kleineren Radladers, lässt sich heben, während sich ihm die andere Schaufel in drei Metern Höhe entgegenreckt. Er macht daran eine Kette fest, so dass der Hebel damit hochgezogen werden kann. „Geschafft !“
Weil der Regen im Atelier unter freiem Himmel aufgehört hat, kommt das Wasser zum Kühlen der Stele aus einem Schlauch. Es zischt und dampft, als der Bildhauer die Skulptur abspritzt, gleichmäßig, immer rundherum. „Innen beträgt die Temperatur sicher noch 1000 Grad, außen sind es jetzt vielleicht 500 Grad“, schätzt Röthel und begutachtet das brandneue Werk, über dem die Luft noch immer flirrt.
Der Wasserstrahl hat die Zunderfetzen abgespült, doch nach wie vor steigt weißer Rauch auf. Röthel scherzt, dass dies fast wie bei der Papstwahl sei, und folgt den Schwaden, die vom Hof hinüber zum Atelier ziehen. Dort stehen auf einem Tisch Modelle des eben in groß geschaffenen Objekts. Denn wie immer bei Röthels Arbeiten sind etliche Skizzen, Studien und Biegungen in kleineren Formaten der endgültigen „großen Drehung“ vorausgegangen.
Bei Skulpturen, die größer und schwerer sind als das an diesem Nachmittag geschaffene Objekt, kommt der Künstler freilich nicht mit zwei Radladern im Hof des heimischen Ateliers aus. Für solche gewichtigeren Arbeiten muss er stärkeres Gerät einsetzen: Stahlpressen im Ruhrgebiet. Auch wenn die Drehung oder Biegung in einer Schmiede ausgeführt wird, ist Röthel dabei und kon-trolliert jeden Schritt. „Ich muss natürlich vor Ort sein“, sagt er, „ich muss, immer wenn ich arbeite, quasi im Material sein, mich richtig reinsteigern.“
Im Ruhrgebiet und anderen Regionen sind Werke des Künstlers dauerhaft ausgestellt. In Ansbach, einer 40 000-Einwohner-Stadt voller Barock-Fassaden, nicht weit weg von Röthels Atelier in Mitteldachstetten, hat der Künstler im Jahr 2004 eine ganze „Skulpturenmeile“ bestückt: In etlichen Straßen und auf Plätzen waren damals seine abstrakten Werke einen Sommer lang zu sehen. Zwei Skulpturen sind geblieben. Die eine steht im Ansbacher Kräutergarten, der zum Hofgarten der einstigen Markgrafen gehört. Direkt vor der neu gebauten Orangerie aus Glas und Stahl und genau in der Mittelachse der Anlage ist sie zu finden.
Ein Platz, der Thomas Röthel gut gefällt: „Durch die Skulptur wird eine schöne Spannung aufgebaut.“
Was das mannshohe Stahl-Objekt vor dem Pflanzenhaus ausdrückt ? „In meinen Arbeiten geht es um Wachstum und Leben“, erklärt Röthel. „Ein Gärtner hier hat das gut erkannt und beschrieben, als er sagte, die Skulptur gehe hoch und wieder runter. Und genau das ist es doch, was im Leben passiert, was auch den Lauf der Jahreszeiten ausmacht – dieses Aufwärts- und Abwärtsstreben sieht man bei dieser Skulptur.“
Das zweite Werk Thomas Röthels ist im Zentrum der Ansbacher Altstadt zu entdecken – auf dem Martin-Luther-Platz zwischen gotischen Kirchtürmen und barocken Häuserfronten. Sechs Tonnen ist diese Skulptur schwer, eine Platte aus massivem Stahl – und doch auf einer Seite in sanfter Krümmung schwebend als wär’s ein Blatt Papier im Wind. „Der schwebende Teil der Skulptur ist meist in der Sonne, während die schwere Seite im Schatten liegt“, schildert Röthel. „Das passt sehr gut dazu.“
Zwei tiefe Schnitte hat Röthel auch beim Fertigen dieses Kunstwerks in die 20 Zentimeter dicke Platte getrieben, dann bei enormen Temperaturen gedreht, Zentimeter für Zentimeter, um den Stahl schließlich so scheinbar schwerelos verharren zu lassen. Rostrot ist das Material an manchen Stellen, an anderen gelblich oder anthrazitfarben. Und mittlerweile poliert, weil viele Menschen die Skulptur als Sitzplatz nützen und Kinder darauf klettern. Was Thomas Röthel besonders freut. „Es ist toll, dass die Leute den Skulpturen nicht reserviert gegenüberstehen, sondern sie beleben.“
Die Werke zu berühren und genau hinzusehen empfiehlt der Künstler, der seine
abstrakten Arbeiten nicht gern ausführlich erläutert. Wer genau hinschaue, erkenne selbst, wie die massiven, harten Körper zugleich weich und organisch sein können. Wie die Balance gehalten wird, obgleich das Gewicht eigentlich die ganze Form in die Tiefe reißen müsste. Wie auf den Oberflächen der millimeterbruchteilfeine Rost gedeiht. Wie alles kreist und auf- und absteigt und wird und geht.
Diese Balance von schwer und leicht, hart und weich, starr und biegsam, von einem Schweben und Lasten prägt viele Stahlskulpturen Röthels, unabhängig von ihrer Dimension. Durch die Einschnitte, die Biegungen und Drehungen löst der Künstler die klare, nur auf den ersten Blick unantastbare Grundform auf, um sie in eine neue Gestalt zu überführen, die Schwerkraft, Härte und Gewicht ein Schnippchen zu schlagen scheint. So entstehen Röthels ästhetische Balanceakte.
Noch eine zweite Richtung gibt es derzeit im Werk des Bildhauers: Neben jenen Objekten im erstaunlichsten Gleichgewicht sind da hohe Stahlstelen, die sich in der Mitte komplett verästeln und auffächern, um weiter oben wieder einen gemeinsamen Weg zu finden.
Um diese Skulpturen zu schaffen, werden mehrere schmale Stahlplatten einzeln an
genau ausgetüftelten Stellen mit Schnitten versehen. Dann werden die Platten verschweißt und insgesamt im glühenden Zustand gezogen und gedreht: um 45, 90, 180, 270 oder 360 Grad. „Wie ein Gedanke, der einem plötzlich durch den Kopf schießt – das ist mein Ausgangspunkt dabei“, sagt Röthel: „Der Moment, wenn alles aufgeht und man sich neu sammelt.“
Lara Hausleitner