Die Verletzlichkeit des Stahls
Zur Stahlskulptur von Thomas Röthel
Einerseits sind die Stahlskulpturen des 1969 in Ansbach geboren Thomas Röthel Synonym der Ausgesetztheit des Menschen in einer fremd gewordenen Welt, andererseits, in ihrer Verdichtung von Raum, auch Ausdruck einer künstlerischen Bewegungsrichtung, die die Stahlskulptur ins 21. Jahrhundert führt.
Bedenken wir, welche Entwicklungen der Werkstoff Stahl in der Kunst gemacht hat, welche Positionen, Evolutionen und gestalterischen Grenzsprengungen Künstler wie Julio González, Eduardo Chillida, Bernar Venet und Michel Croissant (um nur einige wenige zu nennen) ermöglichten, so wird deutlich, dass der Stahl prädestiniert ist, in der postmodernen skulpturalen Kunst richtungsweisend zu sein.
Das Verbindende dieser so unterschiedlichen, höchst individuellen Oeuvres ist das Material Stahl, der so bearbeitet wird, dass ganz eigene Ausdrucksformen entwickelt wurden – und werden. Der Werkstoff ist integraler Bestandteil der Spezifik eines Werks. Wer sich eingehend mit zeitgenössischen Metallskulpturen beschäftigt, erkennt, wie sich in den Kreationen die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Künstler niederschlagen. Dies gilt in besonderem Maße für die Stahlarbeiten von Thomas Röthel.
Ohne die raumgreifenden, stilbildenden Arbeiten Chillidas, ohne die von Naturformen lernende Monumentalplastik der Amerikaner Alexander Calder und David Smith, ohne die spielerischen Momente eines Berto Lardera oder die Raumeroberungen Mark di Suveros ist die zeitgenössische Stahlskulptur in all ihren Manifestationen nicht denkbar.
Künstlerische Innovation knüpft sich stets an die Synthese aus Bewährtem, Erprobtem und Neuem, dem wahrlich „nie zuvor da Gewesenen“. Wo die „Lehrmeister“ übertroffen werden, wo sich ein neuer Stil ankündigt, wo unvereinbar geglaubte Elemente plötzlich fusionieren – dort ist Innovation. – Diese Innovationskraft besitzen die Arbeiten von Thomas Röthel. Sie lassen sich gleichermaßen als Skulptur wie auch als
„räumliche Grafik“ von erstaunlicher Zartheit lesen. Dass die Stahlskulptur in ihren Entwicklungsmöglichkeiten längst nicht ausgereizt ist, beweist Thomas Röthel.
Die künstlerische Innovation Röthels: Er schweißt jeweils vier zirka vier Zentimeter dicke Stahl-Schichten aufeinander zu einer säulenhaften Urform.
In diese massive Urform sind Eingriffsstellen vorgeschnitten, die Röthel auf über 1000 Grad erhitzt und mittels immenser Hebelwirkung erst emporzieht und dann dreht. Diese Drehungen erfolgen in mehreren aufeinanderfolgenden Schritten; Drehungsschritte erfolgen meist um 90 Grad. Ein „Zurück“ gibt es nicht.
Nichts in diesen Arbeitsvorgängen ist dem Zufall überlassen. Je nach Intensität des Anhebens und Anzahl aufeinander folgender Dreh-Vorgänge entstehen jene räumlichen Strukturen, die vom Künstler in der Vorlaufphase projektiert wurden.
Dieses „kontrollierte Zerreißen“ ist ein Akt größter Konzentration, dem Unikate von grafischer Raffinesse entspringen. Kein Röthel-Objekt gleicht dem anderen. Jedes besitzt einzigartige Ansichten. Jede Skulptur eröffnet faszinierende plastische Dimensionen; jedes Objekt besitzt seine ganz eigene Magie.
Es ist durchaus angebracht, diesen Objekten magische Momente zuzusprechen, denn der Charakter der Skulptur scheint während Sekundenbruchteilen des Entstehungsprozesses definiert zu werden; schneller als die Augen eines wachsamen Beobachters erfassen könnten, ist aus einem soliden Stahlblock eine von zarten Schwingungen und ausgreifenden Linien bestimmte, zwischen geschwungenen und geraden Konturen irisierende Form entstanden. Verletzung und Gehaltensein, (kontrollierte) Zerstörung und Bestehen sind bestimmende Momente in der Betrachtung.
Die Röthel-Stahlskulptur fußt – ähnlich wie moderne Ingenieurarchitektur – auf den spezifischen Eigenheiten des Materials Stahl: (Ver-)Formbarkeit und Stabilität, Belastbarkeit und Eleganz ermöglichen verwegene, freischwebende Konstruktionen. Die Schwerkraft scheint auf-gehoben; statische Beschränkungen gelten nicht mehr.
Die letzte Grenze, so scheint es, ist die Ausdruckskraft des Künstlers.
Präzise Planung, handwerkliche Raffinesse, die kühne Beherrschung glühenden
Stahls und die Inspiration des Moments kulminieren an einem Zeitpunkt, der der Schwarzkörperstrahlung aus der Quantenphysik ähnlich ist: die wirkliche Erscheinung eines Objekts hängt von der Bewegung des Beobachters ab.
Hier entspringt der große Reiz der Arbeit Thomas Röthels: Immer geht es um das Aufblühen einer abstrakten Figur, die durch grafisch wirkende Aufrisse in einer massiven Stahlform entsteht. Röthel arbeitet seriell, seine Figuren entstehen in allen Größen, stellen eine aus Hitze, Intuition und Kalkül geborene dreidimensionale Grafik her. Diese „Grafik“ besitzt den besonderen Reiz, unendlich viele Ansichtspunkte zu besitzen; je nach dem, von welcher Seite man sie betrachtet, birgt die Skulptur völlig neue Ein- und Durchsichten, strukturieren die kontrolliert zerbrochenen Stahllinien die Körper, lenken den Blick – den Drehungen des Künstlers folgend – in die Skulptur hinein.
Die immanente Schwere – eine Großskulptur aus dieser Serie wiegt bis zu 1250 Kilogramm – wird in ein spielerisches Moment von Leichtigkeit überführt. Chillida beschreibt das raumdefinierende Moment seiner Skulpturen mit dem Vorgang des „an- und abschwellenden Atems“. Analog ließe sich das Werk Röthels mit dem Augenblick einer Grenzsprengung, eines finalen Befreiungsschlages definieren. Röthel offenbart die gewaltigen Kräfte, die bei der Formung des Kunstwerks frei wurden; zugleich besitzen die Skulpturen eine Eleganz, wie man sie dem Stahl nicht zutraute. Einem anklingenden Ton gleich, der die Stille spannungsvoll zerbricht, erzeugen Röthels „dreidimensionale Grafiken“ in den unendlich variablen Schwingungen der Stahlbänder eine plastische Kapazität, die sich im gesamten Umraum und zuletzt auch in der Phantasie des Betrachters unendlich fortsetzt.
Das Staunen – und daraufhin zwingend das Erkennen – setzt ein, wenn man diese Kunstwerke in ihrem Umfeld betrachtet – ganz gleich, ob dies nun ein geschlossener Raum, ein Gebäudekomplex oder die Natur ist.
Röthels Stahlskulpturen gestalten den Raum auf eine Art und Weise, wie dies vor ihm eben nur wenigen Großen wie Eduardo Chillida, Berto Lardera oder Joel Shapiro gelang. Röthels im Moment der Auflösung verewigte Kunst erzeugt spannungsvolle Blickwinkel und Aktionsfelder, die ihr Umfeld neu definieren. Formale Perfektion und visuelle Vielgestaltigkeit zeugen von einem beständigen Gestaltungswillen, der von der menschlichen Existenz in ihrer Gefährdung kündet.
In der erstaunlichen Zartheit der Strukturen, in der impliziten Verletzlichkeit der Stahl-Linien kommen nicht von ungefähr Assoziationen zu den ineinander verschlungenen Trümmern der New Yorker World Trade Center-Türme auf.
Der 11. September 2001 mit seinen Bildern einer noch nie gesehenen Vernichtung moderner Architektur hinterließ bei dem jungen Skulpteur einen tiefen Eindruck, den er in seinen Arbeiten zu bezwingen sucht.
Die Welt, in der wir leben, mit all ihren unberechenbaren Momenten, wirkt auf den Künstler. Dieser antwortet auf Einflüsse, Gefahren, Bedrohung. Er eignet sich diese Welt nicht nur an, er gibt ihr durch seine Werke Symbole und Metazeichen. Er findet einen Ausdruck für das Unaussprechliche.
In den Stahlskulpturen Thomas Röthels scheint unsere Zeit mit ihren Unwägbarkeiten und Gefahren gebannt. Das Unaussprechliche scheint sich zu manifestieren, findet Form, Farbe, Material.
Florian L. Arnold