Zu den Stahlskulpturen von Thomas Röthel
So unnachgiebig wie das Material, so unnachgiebig ist die Idee, die am Anfang einer jeden Arbeit des Stahlbildhauers Thomas Röthel steht. Die Urform aller Skulpturen ist ein individuelles, in einem bestimmten Verhältnis von Länge, Breite und Stärke zugeschnittenes Ausgangsformat aus massivem Stahl industrieller Fertigung. Durch Einschnitte, Biegungen und Drehungen gelingt es dem Künstler, diese Form aus ihrer Starre und Schwerkraft zu lösen und in einen autonomen plastischen Ausdruck zu überführen, der die Härte und nicht zuletzt das Gewicht des Materials nahezu vergessen macht. Ein neuer Aggregatzustand scheint in der künstlerischen Form gefunden.
Durch den virtuosen Umgang mit dem Werkstoff werden Masse und Gewicht, Gravitation und Levitation immer neu hinterfragt. Mit wenigen Eingriffen entwickelt der Bildhauer Formverläufe, die sich in sanften Abstufungen, mehrfachen Windungen und Drehungen leichtfüßig in den Raum ausdehnen oder sich zum massigen Block, aber auch zur grazilen Torsituation schließen. Auf diese Weise entsteht ein ganz eigenes, spannungsreiches Formenvokabular, das Anklänge an Architektonisches und Organisches wecken mag, seine endgültige Gestalt jedoch alleine aus der Ursprungsform entwickelt, auf die sie sich beim Betrachten immer wieder zurückführen lässt.
Stahl gebogen oder Stahl gedreht benennt Thomas Röthel seine Skulpturen. Mit diesen Bezeichnungen ist sowohl der Schaffensprozess, als auch das vollendete Werk charakterisiert. Doch was so einfach und selbstverständlich scheint, ist ein je nach Dimension des Objektes schwieriger Arbeitsprozess, der nicht nur das Wissen um den Einsatz von Hebelkräften, sondern auch absolute Konzentration verlangt, gilt es doch die schwere Masse mittels so archaischer wie ausgeklügelter Technik zu bewegen, Richtungsänderungen anzustoßen und im richtigen Moment anzuhalten, um in der so entstandenen Form die Bewegung und Dynamik in der Skulptur fortzuführen, dem Bewegungsverlauf gleichsam visuellen Ausdruck zu verleihen.
Der Entstehungsprozess ist im großen und kleinen Format derselbe. Immer führen wenige formkonstituierende Eingriffe zur Vollendung des Werkes: Der Stahl wird an den Eingriffsstellen geschnitten, gleichmäßig glühend erhitzt und mittels oft immenser Hebelwirkungen gebogen sowie gegebenenfalls gedreht. 1 Wärme und Bewegung müssen an der vorgegebenen Stelle eine produktive Einheit bilden und wie alle Arbeitsschritte perfekt durchdacht, vorbereitet und aufeinander abgestimmt sein, denn vor dem endgültigen Erkalten muss der exakte Drehpunkt erreicht sein, der ein Teilstück um eine Ebene versetzt und die Form von der Waagerechten in die Senkrechte, in den freien Raum oder zurück zum Ausgangspunkt führt. Korrekturen sind so gut wie ausgeschlossen.
Jedes Werk steht in diesem Prozess für sich, ist sein eigenes Modell. Jeder Anfang ist gleich und erfordert die Auseinandersetzung mit der schieren Härte des Werkstoffes. Mit dem Schnitt und der Biegung ist die Teilung und Öffnung des Materials verbunden. Als löse dieser Eingriff eine verborgene Spannung, kann die schwere Masse in diesem Moment mit scheinbarer Leichtigkeit in die Horizontale oder Vertikale streben oder zu ihrer Basis zurückkehren. Kein Teil des Ganzen geht hierbei verloren. Dieses Prinzip verbindet alle bis heute entstandenen Stahlskulpturen, auch die auf den ersten Blick von der vorgestellten Methode abweichenden Segmentbogen-Paare. Auch jene halbkreisförmigen Bögen lassen sich vor dem geistigen Auge zum ursprünglichen Ausgangsformat zurückverfolgen.
Dynamik, Kraft sowie formale Klarheit und Strenge kennzeichnen die Stahlskulpturen von Thomas Röthel. Mit den das Werk konstituierenden Schnitten und Biegungen werden letztlich auch die klassischen Bildhauertechniken des subtraktiven Skulptierens und plastischen Formens negiert. Auf sehr eigene Weise entstehen Werke, die, fern jeglicher Abbildlichkeit, allein durch ihre physische Präsenz, das tatsächliche Gewicht und durch die Form real gewordene Leichtigkeit ein spannungsreiches Beziehungsgefüge bilden, das Eigenrealität und Möglichkeiten des Materials Stahl auf so konkrete wie absolute Weise miteinander verbinden.
Birgit Möckel